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Flipped Classroom: Unterricht auf den Kopf gestellt

Inhaltsverzeichnis

Frontalunterricht empfinden die meisten Schülerinnen und Schüler oft als langweilig und wenig effektiv. Abwechslung und eigenständiges, individuelles Lernen bietet das Unterrichtskonzept des „Flipped Classroom“. Dabei erarbeiten Schülerinnen, Schüler und Studierende den Lernstoff selbst. Lehrkräfte stellen Ihnen dazu auch digitale Medien bereit. Im Klassenzimmer, Seminarraum oder Hörsaal vertiefen die Lernenden die Inhalte durch gemeinsame Übungen.

Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten innovativ zu lehren und zu lernen. Mithilfe von unterschiedlichen digitalen Inhalten wie Erklärvideos, Screencasts, Texten, Grafiken oder Audiodateien arbeiten Lernende individuell und ortsungebunden. Sie haben dadurch mehr Möglichkeiten, sich ein neues Thema zu erschließen. Lehrer und Lehrerinnen stellen zusätzlich in der Schule Übungen bereit, um das Gelernte anzuwenden.

Was ist ein „Flipped Classroom“?

Der Begriff „Flipped Classroom“ stammt aus dem Englischen. „To flip“ bedeutet „umkehren“, „umdrehen“ oder „wenden“. Bei diesem Konzept funktioniert der Unterricht  umgekehrt als gewohnt.

Im konventionellen Unterricht vermittelt eine Lehrkraft den Lernstoff. Oft passiert das in Form des Frontalunterrichts. Im Anschluss an die Unterrichtsstunde erhalten die Schülerinnen und Schüler Hausaufgaben. Diese sollen sie dazu anregen, das Gelernte selbstständig umzusetzen und anzuwenden.

Beim Flipped Classroom wird der Unterricht auf den Kopf gestellt: Die Lernenden eignen sich die Lerninhalte selbständig und an einem beliebigen Ort an. Dazu erhalten sie ein Skript, das ihnen als Leitfaden dient. Mit Hilfe von Screencasts – kurzen Videos – arbeiten sie den Lernstoff in ihrem eigenen Tempo durch. An Erklärvideos sind Kinder und Jugendliche durch Plattformen wie YouTube ohnehin gewöhnt.

Innerhalb des Schulunterrichts werden dazu Aufgaben gestellt und das Gelernte wird vertieft. Diese Herangehensweise verändert die Rolle der Lehrkräfte:  sie  haben in diesem Konzept eine beratende Funktion und unterstützen Schülerinnen und Schüler wie ein Coach.

Die Methode findet in Schulen, aber auch in Universitäten Anwendung. An der Hochschule setzt Christian Spannagel das Flipped Classroom Konzept im Fach Mathematik seit Jahren überaus erfolgreich ein. Zahlreiche seiner Vorlesungen finden sich auf YouTube.

Die Junglehrer Carsten Thein und Felix Fähnrich haben ebenfalls eine Reihe von Erklärvideos zum Flipped Classroom zur Verfügung gestellt. [1] Sie unterrichten bereits seit 2013 Mathematik nach dieser Methode an der Schule.

Andere Begriffe für diese innovative Unterrichtsweise sind „Inverted Classroom“, „Reverse Teaching“, „Backwards Classroom“ oder „Reverse Instruction“.

Flipped Classroom Beispiel

Vorteile des Flipped Classroom

Anstelle des oft passiven Lernens im Unterrichtgeschieht der Wissenserwerb selbstgesteuert, individuell und aktiv.

Der umgedrehte Unterricht bringt verschiedene Vorteile mit sich:

  • Kinder und Jugendliche lernen in ihrem eigenen Tempo. Dadurch langweilen sich junge Menschen mit Vorwissen und schneller Auffassungsgabe nicht. Wer etwas länger zum Verstehen braucht, hat beim Flipped Classroom genug Zeit dazu und fühlt sich  weniger unter Druck gesetzt. Es ist möglich, Screencasts zu stoppen, erneut abzuspielen, fremde Begriffe nachzuschlagen oder eigeninitiativ zu recherchieren. Dadurch schließen sich Wissenslücken.
  • Die Einbindung von Material wie Videos und digitaler Recherche verknüpft das Lernen mit dem IT-geprägten Alltag der Lernenden. Dadurch ist die Schule stärker in ihre Lebenswelt integriert.
  • Das Lernen gestaltet sich beim Flipped Classroom Konzept durch digitale Medien abwechslungsreicher.
  • Schülerinnen und Schüler greifen mit unterschiedlichen Endgeräten auf die Videos und auf andere digital bereitgestellte Materialien zu: mit Smartphones, Tablets, Laptops oder Desktop-PCs. Dabei haben sie die Möglichkeit, sich zeit- und ortsunabhängig mit den Inhalten zu beschäftigen.
  • Lehrerinnen und Lehrer sind nicht länger exklusive Wissensvermittler. Sie leiten zum selbstständigen Lernen an und coachen die Lernenden. Bei Problemen greifen sie lenkend ein.
  • Das Konzept fördert die Selbstständigkeit und Medienkompetenz von jungen Menschen und sorgt für eine produktivere Nutzung der Unterrichtszeit.

Nachteile des Flipped Classroom

Zu den Nachteilen des Flipped Classroom gehört, dass es Zeit kostet, geeignete digitale Materialien zu entwickeln. Dazu sind technisches Wissen und eine entsprechende Ausstattung auf Seiten der Lehrenden nötig.

Lernende brauchen entsprechende Endgeräte, um vom Flipped Classroom zu profitieren. Ohne Smartphone, Tablet oder PC und eine schnelle Internetverbindung können Schüler und Schülerinnen nicht auf digitales Material zugreifen.

Konzept des Flipped Classroom: Screencasts und vertiefende Aufgaben

Die Unterrichtsmethode des Flipped Classroom basiert auf zwei Komponenten:

  1. eigenes digitales Unterrichtsmaterial wie Screencasts, Lernvideos und anderes Material
  2. vertiefenden Übungen.

Was sind Screencasts?

„Screen“ ist das englische Wort für Bildschirm. Ein Screencast ist ein Video, bei dem der Computerbildschirm gezeigt wird. Gleichzeitig hören die Lernenden die Stimme der Lehrkraft aus dem Off, die das Geschehen auf dem Monitor erklärt.

Der Ablauf ähnelt dem Frontalunterricht. Die Lehrkraft steht allerdings meist nicht vor der Klasse. Sie entwickelt das „Tafelbild“ beispielsweise anhand von Folien in Form einer  digitalen Präsentation Schritt für Schritt. Oder sie filmt sich selbst an der Tafel. Dabei erklären Lehrende ein neues Thema bzw. den Lernstoff, sodass Schülerinnen und Schüler Bild und Ton verfolgen können. [2]

Die Aufzeichnung erfolgt mithilfe einer Screencast-Software. Diese gibt es für Windows-PCs und Macintosh-Computer bzw. für Android und iOS.

Welche weiteren digitalen Lernmaterialien gibt es?

Zusätzlich zu Screencasts können Erklärvideos, Texte, Grafiken und Audiodateien eingesetzt werden.

Wie sehen die vertiefenden Übungen aus?

Vertiefende Aufgaben können unterschiedlich gestaltet sein. Je nach Thema gibt es möglicherweise zunächst offene Fragen und Verständnisprobleme zu klären. Vielleicht folgen danach Übungen auf Papier. Auch Diskussionsrunden, Partnerarbeit, Gruppenarbeit oder gemeinsame Aufgaben sind möglich.

Konkrete Beispiele:

  • Multiple-Choice-Fragen beantworten: Die Lehrkraft programmiert die Fragen vorab online. Schülerinnen und Schüler greifen in der Schule mit ihren Endgeräten darauf zu und beantworten die Fragen. [4]
  • Diskussionsrunde austragen: Die Lehrkraft bildet zwei Gruppen. Eine vertritt die Pro-Seite, die andere die Contra-Seite.
  • Partnerarbeit: Im Sprachunterricht eignen sich die Lernenden eine grammatische Struktur oder bestimmte Vokabeln zuhause an. Diese üben und vertiefen sie dann in kurzen Dialogen bzw. Aufgaben mit einer Partnerin oder einem Partner in der Schule. [5]

Methoden

Lehrende bereiten zuhause die Screencasts vor. Diese lassen sich nach einmaliger Erstellung immer wieder verwenden. Es ist also nicht mehr nötig, dasselbe Thema mehrfach vor unterschiedlichen Klassen vorzutragen oder zu wiederholen, wenn jemand wegen Krankheit nicht zur Schule kommen konnte.

Die Lernenden haben die Aufgabe, die kurzen Videos zu Hause anzuschauen. Sie machen sich dazu Notizen, notieren Fragen und alles, was sie noch nicht verstanden haben.

Mögliche Probleme und Tipps

Das Konzept des Inverted Classroom funktioniert nur dann, wenn sich Schülerinnen und Schüler zu Hause mit den digital bereitgestellten Lernmaterialien beschäftigen und diese wirklich durchdenken.

Hier zeigen sich in der Praxis zwei Probleme:

  • Schauen Kinder und Jugendliche die Screencasts nicht an, können sie sich nicht sinnvoll in den Präsenzphasen einbringen. Möglicherweise bleiben sie dem Unterricht fern. Oder sie arbeiten nicht mit bzw. sind unruhig.
  • Beim Anschauen von Videos entsteht eventuell vorschnell der Eindruck, das Erklärte verstanden zu haben.

3        Tipps für erfolgreiche Präsenzphasen

Um den Problemen von Anfang an wirksam zu begegnen, empfehlen sich die folgenden drei Tipps:

  1. Das erste Lernvideo sollte gemeinsam in der Schule angeschaut werden. Wenn Lehrerinnen und Lehrer vorab erklären, wie sich mit einem Screencast lernen lässt, verstehen Schülerinnen und Schüler das Konzept besser. Notizen machen, Fragen stellen, unverständliche Wörter und Begriffe nachschlagen – das sind einige Möglichkeiten, das aktive Anschauen zu fördern. [6]
  2. Damit Kinder und Jugendliche sich wirklich mit den Inhalten auseinandersetzen, bieten sich Begleitaufgaben an. Das können Zusammenfassungen der Videos, Übungsblätter mit Lückentexten, Fragen oder Quizzes sein. Auch eigene Aufgaben erfinden zu lassen, ist eine gute Idee. Diese können dann in der Präsenzphase von den anderen Schülerinnen und Schülern gelöst werden. Das verhindert, dass Lernende die Videos gar nicht oder nur oberflächlich ansehen.
  3. Inhalte aus den Lernvideos sollten laut Christian Spannagel im Klassenraum keinesfalls wiederholt werden. Sonst beschäftigen sich Schülerinnen, Schüler und Studierende nicht vorab damit. Offene Fragen und Verständnisprobleme zu klären, ist selbstverständlich erlaubt. [7]

Fazit

Bei der Idee des Flipped Classroom findet der Wissenserwerb  teilweise ausserhalb der Schule statt. Die Vertiefung des Gelernten und das Üben geschieht innerhalb des gemeinsamen Unterrichts. Das ermöglicht ein selbstgesteuertes Lernen mithilfe von digitalen Medien. Kinder und Jugendliche eignen sich ortsunabhängig Wissen in ihrem eigenen Lerntempo an. Innerhalb der Klassengemeinschaft haben sie die Gelegenheit, Fragen zu stellen, Verständnisschwierigkeiten zu klären und das Gelernte anzuwenden.

Die Rolle der Lehrkraft verschiebt sich beim Unterricht nach diesem Konzept vom Wissensvermittler zum Coach. Lernende können auf diese Weise Wissensunterschiede ausgleichen und durch eine optimale Vorbereitung in Veranstaltungen in der Schule oder Hochschule aktiv mitarbeiten.

Quellen:

[1] https://fliptheclassroom.de/

[2] https://www.cornelsen.de/magazin/beitraege/flipped-classroom-konzept

[3] https://t3n.de/news/screencast-software-uebersicht-866350/

[4] https://moodle.ruhr-uni-bochum.de/file.php/3990/Videoprojekt%20Hansen_Teil%20Pr%c3%a4senz.mp4

[5] https://moodle.ruhr-uni-bochum.de/file.php/3990/Videoprojekt%20Hansen_Teil%20Pr%c3%a4senz.mp4

[6] https://magazin.sofatutor.com/lehrer/9-tipps-von-lehrkraeften-die-das-unterrichtskonzept-flipped-classroom-anwenden/

[7] https://www.youtube.com/watch?v=u1Vf4Rn7tKw

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